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Interview mit Prof. Dr. Arya M. Sharma

 

Dr. Arya M. Sharma, emeritierter Professor für Medizin und ehemaliger Lehrstuhlinhaber für Adipositasforschung:

 

„Menschen mit Adipositas sind nicht ‚schuld‘ an ihrem Übergewicht – sie leiden an einer chronischen Erkrankung und brauchen deshalb eine individuelle Behandlung.“

 

Da habe ich gleich mehrere: Ziele nicht zu hoch setzen – kleine Schritte gehen, die sie langfristig beibehalten können. Nicht auf Werbeversprechen für Produkte aus der Drogerie setzen, nicht jede Modediät mitmachen – besser Strategien finden, die sich wirklich gut in das eigene Leben integrieren lassen und die vor allem nicht auf Verzicht setzen. Alles, was sich nach Verzicht anfühlt, ist unangenehm und auf Dauer nicht zielführend.

 

Die Hausärztinnen und Hausärzte sollten die ersten Ansprechpartner sein. Hier liegt im besten Fall die gesamte Krankengeschichte vor und auch die Lebensumstände sind schon bekannt. Das hilft dabei, die individuelle Strategie für ein Gewichtsmanagement zu finden. Diese ist bei jedem Menschen eine andere. Sie muss an den Alltag, das Umfeld, den Job etc. angepasst sein.

 

Dr. Arya

Dr. Arya

Zu berücksichtigen ist dabei jedoch, dass nicht jede Ärztin oder jeder Arzt sich mit der Adipositasbehandlung gut auskennt – obwohl dieses Thema eigentlich allen Mediziner*innen vertraut sein sollte. Denn: Adipositas kann jeden Bereich des Körpers betreffen. Daher kann man Menschen mit Adipositas bei allen möglichen medizinischen Spezialist*innen begegnen.

 

Bisher ist noch immer nicht hinlänglich bekannt, dass es sich bei Adipositas um eine chronische Erkrankung handelt, die sich durch Willenskraft allein nur selten beherrschen lässt. Dabei ist es unerheblich, wie und warum das Übergewicht entstanden ist. Sobald der Körper ein bestimmtes Höchstgewicht einmal erreicht hat, will er dieses immer wieder erreichen. Dafür sorgen zahlreiche biologische Mechanismen, die einer dauerhaften Gewichtsabnahme entgegenwirken. Das bedeutet: Egal, wie viel man einmal abgenommen hat, der Körper strebt immer danach, wieder auf das alte Höchstgewicht zu gelangen. Dementsprechend müssen Betroffene dauerhaft gegen die Gewichtswiederzunahme ankämpfen.

Leider lässt sich jedoch das Vorurteil, dass es Menschen mit Übergewicht lediglich an Willenskraft mangelt, nur schwer aus der Welt räumen.

 

Bei der Indikation zur Adipositasbehandlung kommt es in der Tat auf den Krankheitswert an. Auch bei scheinbar Gesunden spielt die Genetik eine Rolle. Wenn zum Beispiel klar ist, dass in der Familie Veranlagung für Typ-2-Diabetes vorliegt, dann macht ein frühzeitiges Gewichtsmanagement natürlich Sinn. Leider treten bei den meisten Menschen mit Übergewicht über kurz oder lang Beschwerden oder Folgeerkrankungen auf. Daher ist es durchaus empfehlenswert, frühzeitig das Gewicht zu kontrollieren oder zumindest ein Gewicht dauerhaft zu halten.

 

Viele nehmen sich vor, direkt 20 % an Gewicht zu verlieren (das wären bei einem Ausgangsgewicht von 100 Kilo rund 20 Kilo) – das ist sehr unrealistisch und auch langfristig kaum zu halten. Als Vergleich: Die durchschnittliche Gewichtsabnahme bei der bariatrischen Chirurgie liegt auch nur bei rund 25 % des Ausgangsgewichts. Aus den aktuellen Forschungsberichten geht hervor, dass durch eine reine Verhaltensänderung (weniger essen, mehr bewegen) – auch bei anfänglichem Erfolg – sich im Durchschnitt langfristig lediglich zwischen 3 bis 5 % abnehmen lassen. Um 10 % Gewichtsreduktion langfristig zu sichern, ist dagegen oft schon der Einsatz von Medikamenten notwendig.

 

Das allerwichtigste ist, dass die Behandlung ganzheitlich und individuell auf den Menschen mit Übergewicht ausgerichtet wird. Jeder hat eigene Vorlieben und Abneigungen, jeder hat andere Maßnahmen, mit denen er besser oder schlechter leben kann. Es gibt extrem viele Variablen im Leben eines Menschen, die alle eine Rolle für die optimale Therapie spielen. Diese herauszufinden erfordert Zeit und Geduld und Durchhaltevermögen – sowohl von den Behandelnden als auch von den Menschen, die ihr Leben umstellen und eine Therapie beginnen wollen. Im Optimalfall finden sie gemeinsam Maßnahmen und Möglichkeiten, die sich nach einer gewissen Umstellungszeit gut in den Alltag integrieren und umsetzen lassen. Am wichtigsten ist, dass jede Adipositasbehandlung langfristig weitergeführt wird, da es sich in den meisten Fällen um eine chronische, oft lebenslange Erkrankung handelt.

Professor of Medicine,  University of Alberta, Scientific Director - Obesity Canada

Dr. Arya M. Sharma, MD, DSc (hon), FRCPC, ist emeritierter Professor für Medizin und ehemaliger Lehrstuhlinhaber für Adipositasforschung und -management an der University of Alberta, Edmonton, Kanada. Er ist auch der ehemalige klinische Co-Vorsitzende des Alberta Health Services Obesity Program.


Dr. Sharma ist Gründer und wissenschaftlicher Direktor von Obesity Canada (ehemals Canadian Obesity Network), einem Netzwerk von über 10.000 Adipositas-Forschern, Gesundheitsexperten und anderen Interessenvertretern. Er ist außerdem Fellow der Canadian Academy of Health Sciences.
Außerdem ist er Past-President der Canadian Association of Bariatric Physicians and Surgeons.


In der Vergangenheit war er Professor für Medizin und Canada Research Chair (Tier 1) an der McMaster University (2002–2007), Professor für Medizin an der Franz-Volhard-Klinik der Charité, Humboldt Universität Berlin (2000–2002), und der Freien Universität Berlin (1994–2000). Seine Forschungsschwerpunkte sind die evidenzbasierte Prävention und das Management von Adipositas und deren Komplikationen.


Er ist Autor und Co-Autor von mehr als 450 wissenschaftlichen Artikeln und hat zahlreiche Vorträge über die Ätiologie und das Management von Adipositas und damit verbundenen kardiovaskulären Erkrankungen gehalten. Dr. Sharma wird regelmäßig als medizinischer Experte in nationalen und internationalen TV- und Printmedien vorgestellt und unterhält einen viel gelesenen Adipositas-Blog unter www.drsharma.ca.